Kapitel 3 – Kalknacht

Vernin strich sich die Jacke glatt und betrachtete sich im Spiegel. Sie bestand aus dem gleichen Stoff wie die Gardinen – nur mit dem Unterschied, dass hin und wieder goldene Fasern durchschimmerten. Er wollte lachen, doch blieb es ihm im Halse stecken, als er an die Kadaver dachte, denen er seine Aufmachung verdankte. Er kam sich vor, als wollte er sagen: „Seht her, ich trage den Tod.“ Dann musste er doch lachen.

Es klopfte an der Tür.

„M-Meister, es ist soweit.“

Vernin nickte. Zeit, dem Tod die Schau zu stehlen.


Als er im Saal ankam, waren die Gäste bereits versammelt. Kleine Grüppchen hatten sich gebildet, und sie alle schauten in seine Richtung, als Luzian sein Kommen ankündigte. Er stolperte beinahe, als er die Treppe hinunterschritt. Sein Großvater hatte für dieses Fest keine Mühen gescheut – das musste er ihm lassen – aber dass er selbst fehlte, behagte ihm nicht. Seit drei Jahren war Großvater wie besessen und hatte sich seitdem immer mehr zurückgezogen. Nur wenn es seltene Bücher gab, die seine Aufmerksamkeit erforderten, kehrte er zurück. Als er unten angekommen war, begrüßten ihn die ersten Gäste.

Vernin schüttelte Hände, lächelte zurückhaltend und nickte immer wieder bestätigend. Schlicht – er kam sich vor, als würde er in den Magen eines gestrandeten Wals gesaugt. Nur dass er nicht verdaut wurde, sondern verrottete, weil die Lebensprozesse aufgehört hatten.

Das ließ ihn an das Buch denken, das er nun verdaute. Vielleicht war auch er wie dieser Wal. Ein bisschen gestrandet – doch noch nicht ganz verloren.


Als der Kalkabend voranschritt und die Gäste begannen, sich zu mischen und die Tanzfläche zu betreten, ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen. Wo war sie nur? Vivian war sonst bei gesellschaftlichen Anlässen nie weit entfernt. Gustavo hatte er auch nicht gesehen. Und ihn auch noch nicht.

Eine Frau näherte sich ihm, ihr Blick nie ganz auf ihn gerichtet – so als hätte sie Angst, dass ihr Blick ihn zum Platzen bringen würde und nur Glitzer zurücklassen würde.

„I-Ich heiße Cordelia K-Kingsten. Wir sind uns schon b-begegnet. M-Meine Schwester hatte Geburtstag und ihr wart auch da.“

„Freut mich“, sagte er und vollführte eine formvollendete Verbeugung. Sein Lehrer wäre sicher stolz. Sie kicherte. Er erinnerte sich an die Schwester. Carola Kingsten war siebzehn geworden und hatte bereits drei Bücher verdaut. Eine Ungeheuerlichkeit für Leute ihres Standes. Doch das sagte er nicht.

„Ich habe letztens ein Buch gelesen, das von einem Narren handelte.“

Cordelia blickte auf. „Einen Narren?“

„Jawohl, einen Narren. Er stammte aus einer anderen Welt, ganz unähnlich unserer. Er ist in den Körper eines anderen Mannes transmigriert. Kopfwunde. Ein Revolver lag auf dem geöffneten Tagebuch. Er las die Zeilen: ‚Alle werden sterben, und ich bin einer davon.‘ –“

„Vernin, erzählst du schon wieder von deinen seltsamen Geschichten?“

„Die sind nicht seltsam.“

Vivian lachte. „Entschuldige, bitte – aber ich muss ihn mir für ein paar Sekunden ausleihen.“

Cordelia nickte. Und schon waren sie draußen auf dem Balkon.

„Was soll die Eile?“, fragte er.

„Hier, nimm das Buch.“ Sie drückte es ihm in die Hand.

„Was–“

„Pssht. Er kommt.“

„Gustavo?“

Ein Nicken.

„Ah, Vivian, meine Liebe. Das Herz meiner Liebe. Wie konnte ich dich nur aus dem Auge lassen? Oh du Schmerz.“

„Gustavo, ach da bist du.“ Vivian drehte sich um und versperrte den Blick auf Vernin.

Gustavo sah aus, als hätte man eine Reliquie aus einer Gruft gerissen und mit feinen Nadelstichen zusammengeflickt – Sehnen an Leder, Körper an Säfte genäht – und ihn dann unter die fast Lebenden gezerrt. Unter viel zu engem Stoff zeichneten sich Muskeln ab, die sich wellten wie flüssiges Eisen.

„Vivian, Vivian. Du gehst mir doch nicht fremd? Haha!“

„Gustavo, das ist Vernin, mein Cousin. Vernin, das ist Gustavo. Er hat mir damals geholfen, das Gift einer Weberspinne zu extrahieren.“

Vernin hob eine Augenbraue. Gift einer Weberspinne?

„Freut mich, dich kennenzulernen“, sagte Vernin.

Gustavos einziges Auge lugte hinter Vivian hervor und taxierte ihn wie ein Sargbauer.

„Ah, wie wundervoll. Der junge Vernin. Ich habe Markan über dich sprechen hören. Sollst wohl ein gelehriger junger Mann sein.“

„So könnte man es sagen“, meinte er nur und schob das Buch tiefer in die Jacke.

„Ich habe deinem Großvater gesagt, wie schade das ist, was vor drei Jahren passiert ist – und dass er es nicht verdient hatte, auf dem Galgenberg so drapiert worden zu sein.“

„Danke“, sagte Vernin. „Das bedeutet mir viel.“

„Nichts zu danken. Ich habe noch etwas mit deiner Cousine zu besprechen. Würde es…?“

„Nein, kein Problem. Ich mache mich schon auf den Weg.“ Er sah Vivian an. „Hoffentlich kannst du deine Pheromone in den Griff bekommen“, sagte er und zwinkerte.


Er drehte sich um und ging wieder hinein. Cordelia hatte inzwischen einen Tanzpartner gefunden, und Vernin stellte sich ein wenig abseits der Gesellschaft und plünderte den Tisch mit den Hors-d’œuvre.

Ein Mann näherte sich und sah Vernin lange an, als könnte er nicht glauben, ihn zu sehen.

„Markan, bist du es?“

Vernin erstarrte. Das war jetzt das dritte Mal, dass er innerhalb kurzer Zeit auf seinen Vater angesprochen wurde – und allmählich hatte er es satt.

„Nein, ich bin Vernin, sein Sohn.“

„Oh, Entschuldigung. Das wusste ich nicht. Ich habe schon gedacht, einen Geist zu sehen, und wollte schon den Exorzisten rufen“, lachte der Mann verlegen.

Vernin brummte nur. Etwas Besseres konnte er sich nicht einfallen lassen.

„Wie dem auch sei“, sagte der Mann. „Ich bin froh, mit dir Bekanntschaft zu machen. Meine Frau hat sich auf dem Weg hierher den Fuß verstaucht, deswegen bin ich eben erst erschienen. Ihr geht es seit dem Schierlingsbecher, den euer Diener ihr gegeben hat, wieder besser. Ich bin froh, dass ihr so tolles Gesinde habt.“

„Ja, Tante Muriel hatte sie – zapp – einhändig bändigen können“, lachte Vernin.

„Inceptio, richtig?“, fragte der Mann.

„Genau. Wie sie es geschafft hat, diesen Zauber auf ein so minderbemitteltes Volk wirken zu lassen, bleibt ihr Geheimnis.“

Der Mann reichte Vernin die Hand. „Es freut mich, euch kennenzulernen. Ich heiße Victor Grubenstett. Meine Frau ist Victoria Grubenstett.“

Vernin hob eine Augenbraue. „Die Grubenstett, die für ihren Tee berühmt ist?“

„Genau die“, sagte Victor.


Plötzlich wurde es im Saal stockdunkel.

Ein weiblicher Schrei ertönte. Ein Röcheln. Dann nichts mehr.

Das Licht ging wieder an.

Victor war der Erste, der aus seiner Starre erwachte.

„V-Victoria?!“

Victoria Grubenstett lag auf der Tanzfläche und hielt sich den Bauch. Ihr Gesicht zu einer Maske des Todes verzogen. Das Merkwürdige war nicht ihr Tod – sondern das, was sie bei sich trug. Ein Becher aus Zinn. Aber nicht irgendeiner. Sondern der Schierlingsbecher der Familie Kalkstadt.

Als Vernin sie so daliegen sah, erinnerte er sich – oder vielmehr erinnerte das Buch in ihm – an einen Spruch: „Humor est Melancholia.“

Was auch immer das zu bedeuten hatte – das Buch machte keine Fehler. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht mit ihrem Tod, und die Familie Kalkstadt würde den Grund dafür herausfinden.

Schließlich ließ er sich nur ungerne vom Tod die Schau stehlen.

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