Kapitel 2 — Das Buch der Bücher

Das Buch der Bücher. So nannte sein Großvater es. Das Grimorium der Kalkstadts.

Wohl eine Perversion seines eigenen Glaubens.

Das Leder war zart unter seinen Fingern — erhaben — und fühlte sich an wie Kreidestaub. Oder wie gemahlene Knochen. Er war sich nicht sicher. Auf jeden Fall war das Buch und seine Verbindung zu ihm der Grund für seinen Hunger. Er klappte den Deckel auf. Auf der ersten Seite stand in geschwungenen roten Lettern geschrieben: „In Memoriam, In Mente.“

Sofort stieg ihm der Geruch des Buches in die Nase — das Papier, die Tinte. Sein Magen knurrte. Langsam riss er die erste Seite heraus. Dann zerknüllte er sie und begann sie zu verschlingen. Kaute, genoss — und es schmeckte nach geborstem Eisen und etwas anderem, das er nicht benennen konnte. Ein wenig muffig.

Als er das erste Blatt zerkaut und runtergeschluckt hatte, flatterte sein Herz und er schloss die Augen. In Memoriam, in Mente. Die Wörter tauchten vor seinem geistigen Auge auf und langsam erschloss sich ihm die Bedeutung. Im Andenken, im Verstand bewahrt. Er riss die nächste Seite heraus. Während er die Augen geschlossen hielt, verschlang er eine Seite nach der anderen. Mit jedem Bissen entrückte er sich weiter von seinem Körper. Sah Schemen in allen Formen und Farben. Bedeutungen eines ganzen Lebens — dann war auch dieser Funke erloschen, und er sog das nächste Kapitel ein.

Als er die Hälfte erreicht hatte, war er so weit von sich entfernt, dass sein Geist eine neue Stufe seines Bewusstseins erreichte. Vor ihm tat sich eine riesige Wiese auf. Der Mond am Horizont stand starr im violetten Schimmer. Die Wiese enthielt den Traum eines jeden Alchemisten, und Vernin nahm die Namen dieser Pflanzen wahr — und was sie taten.

In der Mitte der Wiese stand ein Grabstein. Die Skulptur zweier Schlangen, die sich umwanden und sich gegenseitig in den Schwanz bissen. In Grimorio, in aeternum. Die Bedeutung war sofort klar. Im Buch gebunden, auf ewig.

Er ging auf den Grabstein zu und bemerkte erst jetzt, dass er einen Körper hatte. Es war seiner, kein Zweifel. Als er den Grabstein erreichte und mit den Fingern über den kühlen Marmor strich, glühten die grünen und roten Augen der Schlangen auf.

Die grünäugige Schlange wand sich und öffnete das Maul.

„Wer begehrt Eintritt in das Reich der—“

Die rotäugige Schlange unterbrach sie: „Bist du blöd? Kannst du denn nicht sehen, dass er der Welpe der Kalkstadts ist?“

„Was meinst du mit bist du blöd? Du machst mir die ganze Show kaputt. Ich wollte weise und ehrfurchtgebietend erscheinen — und du machst es mir kaputt. Wenn ich nicht länger an diesem verdammten Ort gebunden wäre, hätte ich endlich meine Ruhe.“

„Du hast dir dein Schicksal selbst ausgesucht. Es war deine Idee, mit den Kalkstadts einen Pakt zu schließen, du dumme Nuss.“

„Meine Idee? Ich meine mich genau daran zu erinnern, als du sagtest, dass die Unsterblichkeit uns geschenkt werden könnte.“

„Ja, und du Idiot hast dich dafür entschieden und mich damit reingezogen.“

Vernin räusperte sich. „Entschuldigt bitte, aber ich habe nicht viel Zeit.“ Er konnte spüren, wie das Buch an seinem Körper zog.

Die grünäugige Schlange wandte sich an Vernin. „Wie heißt du?“

Vernin antwortete.

„Ah, alles klar“, meinte die Schlange. „Der Sprössling von Markan. Wie geht es ihm? Habe ihn lange nicht gesehen.“

Vernin erstarrte. Dann sagte er langsam: „Er ist tot.“

„Tot? Warum müssen wir die Nachrichten immer als letztes bekommen? Wie lange schon?“

„Seit drei Jahren.“

„Drei ganze Jahre?“ Die rotäugige Schlange spuckte den Namen mit Verachtung aus — doch Vernin meinte darin einen verletzten Kern wahrzunehmen. „Siehst du, Hedwig, ich habe dir doch gesagt, dass wir für die Kalkstadts nur Dekoration sind.“

Die grünäugige Schlange blieb stumm.

„Was ist denn jetzt?“, fragte Vernin. „Werdet ihr mich einlassen?“

Die rotäugige seufzte. Dann rumpelte es plötzlich — und der Grabstein schob sich zurück.


Vernin stieg hinab und zählte dreiunddreißig Stufen. Mit jeder Stufe fühlte er sich, als würde er seinem eigenen Grab immer näherkommen. Als er das Ende erreichte, stand er vor einer verschlossenen Tür. Er klopfte drei Mal — und drei Mal atmete er ein und aus. Erde rieselte hinab, und die Tür öffnete sich.

Das Innere war mit weißem Marmor ausgekleidet. Am Ende des sonst leeren Raumes stand ein Schreibtisch — sein Schreibtisch. Vernin zögerte, kurz. Dann näherte er sich ihm. Auf dem Tisch lag das Buch. Intakt. Das Grimorium.

Er schluckte. Dann setzte er sich davor und strich mit dem Finger über den Einband. Es fühlte sich echt an. Dann schlug er die erste Seite auf.

In termino morbidum est.

Am Ende ist es verdorben.


Dann war er raus. Hart. Wie ein Traum, der zerschellt.

Vernin lag auf dem Boden und zuckte. Sabber lief ihm aus dem Mund. Und dann hörte es auf. Einfach so. Genau wie der Hunger.

Er hievte sich auf den Stuhl. Das Buch war weg — und nicht einmal das Cover erzählte vom Verlust. Doch er konnte es spüren. Es pulsierte in seinem Inneren. Jeden Moment könnte er zurückgehen. In den Raum. In das Grab.

Das Grimorium war nur das erste Buch. Das wusste er.

Und der Hunger wartet nicht.

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