Die Feder kratzte über das Papier. Hielt fest was nicht fest ist. Erinnerungen, Taumel, Schauer und… das worüber er lieber nicht nachdenken wollte. Dennoch ritzte er es rein. Schnell und ohne zu gucken. Kratz. Kratz. Dann setzte er den Punkt, langsam, endgültig. Tinte wie geronnenes Blut.
Er studierte es wie kaltes Fleisch, das er sonst nur auf den Seziertischen seines Großvaters fand. Sie sahen aus wie Menschen. Er erschauderte. Sein Blick huschte zu dem Buch, fixierte es. Das Grimorium der Familie Kalkstadt. Das Buch öffnete sich von alleine und saugte das eben geschriebene hinein. Dann schloss sich der Deckel mit einem Rülpser und Vernin konnte fühlen wie das Buch das geschriebene verdaute.
Er justierte seine Brille aus feinem Draht und noch dünneren Gläsern. Sein Raum war so groß wie der Magen eines gestrandeten Wals. Sein Bett und die Kissen darauf waren so weich, dass man jemanden damit ersticken könnte. Die Möbel waren ein Traum — Hexerholz, um genau zu sein. Seit Jahrtausenden standen sie unberührt im Kellerwald, umgeben von einem schwer zugänglichen Moor. Dann der Stoff der Gardinen. Vernin wurde übel. So schwer und glatt wie die unzähligen Larven der Faserspinne, die den Tod finden mussten. Aber er konnte sich nicht beschweren, denn letztendlich war etwas Schönes daraus entstanden.
Sein Magen knurrte. Gerade jetzt. Er seufzte, stand auf und verließ sein Zimmer.
Der Flur lag dunkel im Halbschatten und nur die grünen Feuerlampen erhellten seinen Weg. An den Wänden hingen Portraits der Kalkstadts von jung bis alt. Manche wirkten würdevoll, aber die meisten hatten etwas in ihrem Blick, das nur von dem Wahnsinn unzähliger Jahre des „Studiums“ zeugte. Natürlich bedeutete es für einen Kalkstadt etwas anderes als für die Gelehrten, die sich mühsam ihr Wissen aneignen mussten. Da war Vernin sogar froh, „dazugehören“ zu müssen. Er lachte. Auch wenn der Preis alles andere als klein war.
Als er die Küche erreichte, schlug ihm der heiße Dampf unzähliger Herde entgegen und er erinnerte sich. Heute war Kalknacht. Verdammt. Das hatte er vergessen. Ob auch er da sein würde? Natürlich. Denn es war Kalknacht.
In der Küche wuselten die schrecklichsten Gestalten, die er je gesehen hatte. Kleine gelbe Finger graptschten nach dem Essen, bedienten die Herde. Und ihre viel zu großen Ohren zuckten, als er durch die Tür marschiert kam. Sie waren ein Geschenk — von Tante Muriel.
Er verlangte nach Luzian, der sofort angetrippelt kam.
„M-meister? W-was machen hier? Kalknacht, nicht gut, nicht gut. Essen später.“
„Ich habe Hunger“, sagte er, und die gelbe Haut wurde bleicher wie ein in der Sonne gebackener Schwamm.
„Nicht gut, nicht gut“, sagte das Wesen. Vernin grinste müde, als es davon huschte — ehe es mit einer Schale Obst zurückkam.
Vernin verzog das Gesicht. „Was soll ich damit? Gib mir was Anständiges.“
Das Wesen zuckte zurück. „Nicht gut, nicht gut.“ Dann verschwand es erneut. Diesmal hatte es etwas Essbares dabei: Klöße, dunkle Bratensoße und Rind.
„Hier, M-meister.“
Vernin schlug sofort zu. Biss sich durch Fleisch und Sehnen. Alsbald war der Teller leer und sein Hunger noch immer nicht gestillt.
„Gib mir mehr!“
Luzian verschwand und kam wieder. Diesmal hatte er zwei Teller dabei. Und auch die waren schnell verputzt. Sein Magen war inzwischen so voll, dass er Mühe hatte, es drinnen zu behalten. Verdammt, dachte Vernin, und ein leiser Verdacht stieg auf. Das Grimorium hatte also genug. Verdammt und nochmal verdammt. Er schluckte — und dabei wollte er kotzen.
Er verließ die Küche, den Gang zurück.
Auf dem Weg begegnete er Vivian. Seine Cousine. Siebzehn Jahre alt und damit zwei Jahre älter als Vernin.
„Ah, Vernin, Vernin. Großvater sagt, du bist bald so weit? Ich kann mich noch an mein erstes Mal erinnern. Der Hunger hatte nicht aufhören wollen. Ich spüre ihn sogar jetzt noch.“
„Was willst du von mir?“
„Vernin, sei doch nicht so. Wir haben uns seit Wochen nicht gesehen. Hast du mich denn gar nicht vermisst?“
„Ja, so wie man eine Zahnlücke vermissen kann.“
„Vernin, du bist witzig.“ Sie lachte. Dann wurde sie ernst. „Heute soll Gustavo Walters eintreffen — und du weißt, was das zu bedeuten hat? Er wird das Buch mitbringen, das unser Großvater seit Monaten sucht.“
„Wieso erzählst du mir das?“
„Ich will dieses Buch haben.“
„Du willst Großvater hintergehen?“
„Nein. Ich werde Gustavo hintergehen. Dieses Arschloch hat es nicht verdient, mit unserer Familie zusammenzuarbeiten.“
Vernin brummte nur.
„Also, was sagst du?“
„Lass mich da raus. Ich habe selber Probleme.“
„Und wenn ich dir zwei Bücher aus meiner Sammlung zur Verfügung stelle?“
„Das kannst du nicht ernst meinen.“
„Warum nicht? Die ersten Bücher prägen einen Magier ungemein. Diese Chance kannst du dir nicht entgehen lassen.“
„Ich werde einfach Großvater fragen. Immerhin hat er dir auch diese Chance ermöglicht.“
„Ja, und sieh was aus mir geworden ist. Ich kann mich kaum aus dem Haus trauen, ohne einen treudoofen Hund anzulocken.“
Jetzt war es an Vernin zu lachen.
„Das hat dich sonst auch nicht gestört. Ich meine mich sogar zu erinnern, dass du Großvater angebettelt hast, dieses Buch zu bekommen.“
„Das war ein… Fehler.“
„Ja, das hätte ich dir auch sagen können.“
„Ich habe Bücher in meiner Sammlung, für die ich mir selbst die Hände schmutzig gemacht hätte, um sie zu bekommen.“ Sie beugte sich vor. „Außerdem — die besten Bücher hat Großvater selbst verdaut.“
„Ich denke darüber nach“, sagte er und wollte sich an ihr vorbeischieben, als sie ihn aufhielt.
„Bitte.“ Es klang gepresst. „Ich kann dir sogar drei geben — aber das ist mein letztes Angebot.“
Vernin schob sich vorbei. „Wie gesagt, ich denke darüber nach.“
„Weiß Großvater von deinen nächtlichen Aktivitäten?“
Vernin blieb stehen.